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Aus den Historienbüchern des Bürgerschützenvereins Neurath

Aus der Geschichte von 1919-1977

August 1919 wird die erste Generalversammlung nach dem Krieg durchgeführt. Die finanziell schwierige Situation der so genannten „Goldenen Zwanziger“ trifft auch den Verein hart. Jedes Mitglied ist haftbar für Unkosten. Es wird eine Sammlung für die Gefangenen durchgeführt.

1920 wird ein Protest gegen die zu hohe Lustbarkeitssteuer durchgeführt. Im selben Jahr muss ein Antrag gestellt werden, dass der Vogelschuss durchgeführt werden darf. In den Abrechnungen des Vereins spiegelt sich die Inflation wieder.

Das der Verein auf gesellschaftlichem Sektor aktiv ist, zeigt sich daran, dass am 31. August 1924 beschlossen wird, „der Ortsvorsteher solle an die Gewerkschaft herantreten, um die Mitglieder für die Kirmestage von der Arbeit zu befreien“ – eine für die Zeit der großen Arbeitslosigkeit unerhört mutige Forderung.

Zu den Festlichkeiten wird nunmehr Eintritt erhoben: 1,50 Mark pro Maar, 0,80 Mark pro Einzelperson. Ferner wurde pro Tag ein Tanzgeld von 10 Pfg. erhoben.

Die Züge bildeten eigene Spargruppen. Nicht jeder Verein konnte sich eine eigene Vogelstange leisten. So musste im Mai 1926 durch Vereinsmitglieder die Vogelstange aus Neuenhausen zurückbeschafft werden, die an den dortigen Bürgerschützenverein ausgeliehen wurde.

Der Verein, der bisher keine Beiträge erhoben hat, ist durch die „schlechte allseitige Wirtschaftslage“ gezwungen, ein jährliches Beitragsgeld von 50 Pfg. zu erheben. Noch im selben Jahr werden 5 Mitglieder ausgeschlossen, die den Beitrag nicht zahlten.

In Verbindung mit der Kirmes soll eine Fahnenweihe stattfinden. Zum ersten Mal wird das Böllerschiessen erwähnt; der Wirt Bremer stiftet ein Feuerwerk. Hier zeigt sich deutlich, dass man die wirtschaftliche Not nicht wahrhaben will und durch Vergnügen zu kompensieren sucht. Ein typisches Merkmal dieser Zeit.

Zur Errichtung des Kriegerdenkmals wird 1926 ein Ehren- und Arbeitsausschuss gegründet auf Anregung des Kriegervereins.

Für die Anschaffung der Fahne, die 500 RM kostet, wird bei der Darlehenskasse eine Darlehen in Höhe von 160 RM aufgenommen, welches durch die Veranstaltung von Preisschiessen wieder abgelöst werden soll.

1927 erfolgt eine Beitragsverdoppelung von jährlich 50 Pfg. auf 1 RM. Für den Königsvogelschuss muss erstmals ein Schussgeld bezahlt werden. Der König erhält 150 RM zur Deckung seiner Unkosten.

Erstmals wird auch der Fackelzug erwähnt, zu dem 3 Preise in Höhe von 12, 8 und 5 RM für die schönsten Fackeln des Zuges ausgesetzt sind.

Im Jahre 1928 feiert der Verein sein 35-jähriges Bestehen. Am 5.5.1928 wird beim Stiftungsfest der König Hermann Kaumanns ermittelt. Dieser muss jedoch wegen Krankheit die Königswürde an den Jägeroffizier Wilhelm Sieger abtreten.

Der Verein setzt sich in besonderem Maße für die Belange der Dorfgemeinschaft ein, indem er für Kinderbelustigung am Kirmessonntag und für Kinderveranstaltungen am Martinsabend sorgt. Außerdem übernimmt er die Kosten für die Musik beim Martinszug und nimmt an den Fronleichnamsprozessionen in Uniform teil.

Der Ehrenvorsitzende Johann Conrads vollendet am 27. Januar 1929 sein 80. Lebensjahr. Im April gleichen Jahres findet sich eine der wenigen negativen Protokolle des Vereinslebens: „Das Ansehen des Vereins wurde wesentlich geschädigt, da die einzelnen Züge zu häufig und ausschweifend feierten“. Die Offiziere wurden angewiesen, verstärkt auf die Ordnung in ihren Zügen zu achten.

Die Teilnahme an den Festzügen hatte derart abgenommen, dass die Generalversammlung beraten sollte, ob überhaupt ein Festzug stattfinden solle. Es wurden verstärkt Jugendgruppen und Züge mit Schulkindern gebildet, um diesen Mangel zu beheben.

Der aufkommende Nationalsozialismus beeinflusste das Vereinsleben besonders stark.

1930 beschloss man, an Pfingsten keine Festlichkeiten mehr abzuhalten. Es folgte das Verbot der öffentlichen Umzüge, so dass das Schützenfest nicht in gewohnter Weise abgehalten werden konnte. Wegen des Verbots des Vogelschusses an der Stange musste der König erstmals durch Scheibenschiessen ermittelt werden.

Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage hat der König nicht mehr die Verpflichtung, Vorstand und Offiziere zu bewirten, dagegen trinkt der ganze Verein 100 Liter Bier auf Kosten des Königs.

Neu ist, dass auch passive Mitglieder gegen einen Jahresbeitrag von 12 RM beitreten können.

Mit 140 Mitgliedern hat der Verein 1931 einen Rekord: Das Stiftungsfest wird deshalb gleichzeitig in zwei Sälen abgehalten.

1933 feiert der Verein sein 40-jähriges Bestehen. Am 29.1.1933 gibt Hermann Kauertz den Vorsitz ab und wird Ehrenvorsitzender, bis er im Alter von 91 Jahren am 20.11.1966 verstirbt; Peter Hamacher wird zum Vorsitzenden gewählt.

Nach der Machtergreifung wurde auch der Bürgerschützenverein „gleichgeschaltet“. An der Abfassung der Protokolle wird deutlich, dass es im Verein durchaus kein Einverständnis mit den neuen Machthabern gab. Dies war vielleicht auch der Grund, weshalb 1934 keine Vorstandswahlen durchgeführt werden durften und fast der gesamte Vorstand 1935 ausgewechselt wurde. Aus dem Vereinsvorsitzenden wurde der „Vereinsführer“. Der verschärfte Ton der Protokolle zeigt, wie sehr der Verein von außer her beeinflusst wurde.

Der militärische Ton im öffentlichen Leben fand auch Eingang in den Verein. So wie damals das Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde, ließ man nun den „Führer und Reichskanzler Hitler“ hochleben. Die Offiziere bekamen größere Rechte. Vorsitzende, Oberst und Offiziere wurden ohne vorherige Wahl in rascher Reihenfolge ausgewechselt. Es tauchten plötzlich Namen auf, die vorher nie in den Vereinslisten zu finden waren.

Die letzte Generalversammlung findet am 14.5.1939 statt. Der Schützenkönig desselben Jahres, Hans Wagner, fällt.

Man kann wohl mit Recht sagen, dass der Bürgerschützenverein die schweren Jahre des 3. Reiches relativ unbeschadet überstanden hat.

Schon am 2. Oktober 1949 trifft man sich zu einer Generalversammlung mit dem Ziel, den Bürgerschützenverein Neurath, so wie er vor dem Krieg bestanden hat, wieder zu neuem Leben zu erwecken. Zum 1. Vorsitzenden der Nachkriegszeit wurde Kurt Deutsch gewählt, der das Amt bis 1956 innehat.

Skapulierfest, Kirmes- und Schützenfest sollen wie vor dem Krieg gefeiert werden. Der 3. Sonntag im September wird festgelegt für das Kirmes- und Schützenfest.

Schnell besinnt man sich auch wieder auf den gesellschaftspolitischen Auftrag des Vereins: In Zeiten größter materieller Not wird eine Spargesellschaft gegründet, die schon 1950 relativ große Überschüsse vor der Kirmes an ihre Mitglieder ausschüttet.

Auffallend ist, dass nunmehr erheblich weniger Säle und Gesellschaftsräume zur Verfügung stehen; der Zeltausschank, der früher meistens von einheimischen Wirten wahrgenommen wurde, muss nun nach auswärts ausgeschrieben werden.

Das aufkommende „Wirtschaftswunder“ beeinflusst auch das Schützenwesen. Vieles wird nicht mehr in Eigenarbeit geleistet, sondern bestellt und bezahlt.

Ab 1953 wird der Zeltauf- und -abbau nicht mehr von den Schützen, sondern vom Wirt vorgenommen. Ab 1955 werden langfristige Verträge mit Zeltleihanstalten geschlossen.

Das gute Verhältnis zu Bruderschaft, Kirche, Feuerwehr und Verwaltung wird in den Protokollen immer wieder betont.

1954 ist die Kassenlage so gut, dass man aus dem Überschuss 200 DM für die neue Kirchenheizung stiftet.

Das wohl wichtigste Ereignis der Nachkriegszeit ist der Zusammenschluss der Sankt Sebastianus - Bruderschaft und des Bürgerschützenvereins unter dem neuen Namen

Sankt Sebstianus – Bürgerschützenverein

1625 – 1892
1955

der auf Wunsch der Bruderschaft erfolgt.

1959 wird der Verein unter diesem Namen ins Vereinsregister Grevenbroich eingetragen. Einzige Bedingung seitens der Bruderschaft waren die Beibehaltung der Quartalsmessen und die Durchführung des Kameradschaftsabends am Fest des hl. Sebastian.

Aus der neuen Vereinsgeschichte sollen nur einige markante Ereignisse Erwähnung finden:

1956 übernimmt Anton Nelles den Vorsitz von Kurt Deutsch. Er führt den Verein bis November 1977 und gibt den Vorsitz ab an Max Schütt. Anton Nelles wurde zum 3. Ehrenpräsidenten des Vereins gewählt.

1958 treten sowohl der Oberst Hamacher als auch der Schützenkönig zurück. Die Gründe sind im Protokoll im Einzelnen nicht aufgeführt. Anstelle von Oberst Hamacher wird August Kwasny gewählt, der den Posten bis zu seinem Tode 1973 innehat. Sein Nachfolger ist ab 1974 Josef Loevenich.

Ebenfalls 1958 wird anlässlich einer Messe für die Gefallenen und Vermissten in der Kirche am Hochaltar die Figur des hl. Sebastian aufgestellt.

Am 9. August 1959 nimmt der Verein am Bundesschützenfest in Neuenhausen teil. Im selben Jahr taucht zum ersten Mal die Sorge darüber auf, dass niemand bereit sein könnte, die Königswürde zu übernehmen. Trotz häufiger Schwierigkeiten ist es jedoch jedes Jahr wieder gelungen, eine Persönlichkeit zu finden, die sich dieser verantwortungsvollen, hohen Aufgabe stellt.

1960 wird eine neue Vereinsfahne gekauft und geweiht, die als Text den Wahlspruch aller Schützen „Glaube – Sitte – Heimat“ trägt.

Möge die Tradition der Geschichte und der Wahlspruch des Sankt Sebastianus -Bürgerschützenverein Neurath Aufgabe und Verpflichtung für sein weiteres Wirken sein.

gez.
Werner Amian, M.A.