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Aus den Historienbüchern des Bürgerschützenvereins Neurath

Aus der Geschichte des St. Sebastianus Bürger-Schützen-Vereins Neurath (1892 - 1900)

Lesenswertes und aus dem

"Namentlichen Verzeichnis, der dem Bürger-Schützen-Verein zu Neurath angehörigen Mannschaften nebst Angabe über Stand, Charge, Gewerbe, Eintritt und Austritt" ausgewählt und kommentiert von Siegfried Huckenbeck.

Die ersten Eintragungen datieren vom 01.10.1892.

An diesem Tage zählte der Verein 88 Mitglieder unter seinem Präsidenten Martin Schlemmer, Ackerer, mit seinem Vize-Präsidenten, dem Weber Paul Schotten, dem Schuhmacher Wilhelm Conrads als Schriftführer und dessen Stellvertreter Christian Cremer, Tagelöhner. Kassenführer war der Ackerer Heinrich Nobis, und als Beisitzende fungierten die vier Ackerer Peter Vasen, Kaspar und Franz Hochhausen und Leonhard Bremer, sowie der Pliesterer Joh. Müller.

Interessant ist die Angabe der Berufe unter den Mitgliedern. Neben vielen Ackerern (d.s. die Bauern oder Landwirte) sind deren vielfältige Helfer aufgeführt:

Viehwärter, Knechte, Pferdeknechte, ein Ackerergehülfe und Tagelöhner; daneben aber auch Vertreter des Handwerks: Bäcker, Brauer, Schmied, Schneider, Weber, Sattler, Stellmacher, Schreiner, Klempner, Pliesterer und ein Trippenmacher. Selbstverständlich sind auch die Gewerbetreibenden mit von der Partie, fünf Wirthe, ein Colonialwaren- und ein Specereiwarenhändler, sowie ein Verwalter und - immerhin - drei Fabrikarbeiter.

An diesem Spiegel der Berufe läßt sich leicht die damalige dörfliche, intakte Struktur Neuraths ablesen. Unser Dorf war um die Jahrhundertwende noch ein reines Bauerndorf, in dem alle Lebensbedürfnisse der Bewohner im Dorf selbst befriedigt werden konnten, wo jeder von jedem und für jeden lebte und arbeitete.

Aber auch die Namen geben interessante Aufschlüsse: Schotten, Nobis, Vasen, Bremer, Wirtz, Esser, Vossen, Hansen, Hamacher, Tiefenbach, Kauertz, Schweren, Servos, Lucht, Pesch, Kratz, Kaumanns, Roderigo, Lützler, Brüggen, Rosellen, Göddertz, Schnorrenberg, Puff, Stein, Walbeck, Hochhausen, Thum, Mocken, Obels. Es sind Namen, die auch heute noch in Neurath vertreten sind; daneben finden sich Conrads, Kommandeur Nußbaum, Mockel, Zensen und Nix, Namen, die nicht mehr zu finden sind.

Bis zum 19. Mai 1898 hatten insgesamt 118 Neurather die Mitgliedschaft im Bürger-Schützen-Verein erworben; hier sind neben den oben erwähnten Namen noch Blom, Abts, Lövenich, Steins, Hoverath und Broisch zu finden. Allerdings sind bis zu diesem Datum 85 Namen gestrichen, so daß zu diesem Zeitpunkt von einem Mitgliederbestand von nur 33 auszugehen ist. Ob dem wirklich so war, läßt sich anhand des Protokollbuchs nicht mehr feststellen.

Weitere Aufschlüsse über das Vereinsleben nach der Gründung ergeben die Protokolle über Generalversammlungen, Vorstandssitzungen und Feststage, alle säuberlich in Sütterlin Schrift abgefaßt. Sie können hier nur auszugsweise wiedergegeben werden. So vermerkt die erste "Rechnungs-Ablage für das Jahr 1892 bis 1. Oktober 1893" u.a. "Einnahmen mit dem Ueberschuße des Jahres 1892 in Höhe von Einhundert und Siebenzig Mark und 75 Pfennigen" nach den Angaben verblieb dem Verein "mithin ein Ueberschuß von Dreihundert und Zwölf Mark Achtzehn Pfennigen" der mit 150 Mark bei der Kreissparkasse Grevenbroich zur Verzinsung eingelegt, der Rest von 162 Mark und achtzehn Pfennigen "sich in Händen des Kassenführers Nobis befindet". Im nächsten Protokoll lesen wir u.a.: "Das Amt als Vereinsbote wurde dem Mitgliede Jakob Müller mit zehn Mark Zulagen jährlichst übertragen" - Um Gotteslohn wurde schon damals nicht alles getan. Wofür übrigens auch die "Zuwendung von Drei Mark pro Pferd" den Fuhrleuten für das Holen der Zelte spricht.

Daß es aber auch anders ging, zeigt der Punkt III des Protokolls vom 8ten April 1894. Wir lesen dort:

"Bei etwaigem Abbruch des alten Spritzenhauses erklärten sich sämtliche mit Pferden und sonstigen Zugtieren versehene Mitglieder des Vereins bereit, Schutt und Steine wegzuschaffen, sowie das zum Neubau eines Spritzenhauses fehlende Material unentgeltlich abzufahren falls (-es muß eben doch wenigstens etwas dabei herauskommen! -) die Gemeinde den Platz, auf dem das Spritzenhaus steht, dem Verein zur dauernden Benutzung überläßt."

Im gleichen Protokoll findet sich unter II ein Eintrag, der Rückschlüsse auf das Verhältnis zur St. Sebastianus Bruderschaft zuläßt. Dort steht: "Anbringung einer Querstange an der Vogelstange, zum Zwecke der Aufstellung zweier Vögel, so daß in Zukunft die St. Sebastianus Bruderschaft sowie der Bürger-Schützen-Verein, jeder ihren bestimmten Vogel schießt, und dadurch etwa vorkommenden Unannehmlichkeiten vorgebeugt ist". - Vorsichtig war man damals also auch schon!

Zum "IIten Stiftungsfest des Bürger-Schützen-Vereins vom 10ten Juni 1894" erfahren wir au.a.: "Hergang des Festes programmgemäß. Nachmit tags nach dem Gottesdienste Enthüllung der neuen Vereinsfahne durch den Präsidenten Schlemmer und den Oberisten Conrads unter Abspielung der Nationala Hymne. Hierauf Festrede durch den Obristen Conrads, welche mit einem Hoch auf seine Majestät den Kaiser schloß, in welches die Mitgleider kräftig einstimmten." - Man gab sich also nicht nur, man war auch kaisertreu. - An diesem Tag wurde übrigens Anton Bremer beim Vogelschuß Schützenkönig, konnte das Amt aber nicht antreten, "da derselbe das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht."

Auch vom Wetter berichten die Niederschriften. Nachdem der Festzug im ersten Jahr wegen Regens abgebrochen werden mußte, berichtet der Chronist 1894: "die am 16., 17., 18. September vom Verein gehaltenen Kirmesfestlichkeiten verliefen ruhig, nicht durch den geringsten Mißton getrübt, und von herrlichstem Wetter begünstigt." Da lacht das frohen Schützenherz!

Doch ging es auch nicht ohne Differenzen ab. So drohte man einem Wirte die gerichtliche Einklage von dreißig Mark an, weil er diesen Betrag entgegen schriftlicher Abmachung zu zahlen sich weigerte. Dieser Beschluß "wurde von der Generalversammlung mit großer Majorität angenommen". Er wurde dann kurze Zeit später "dahin umgeändert, daß gerichtliche Einschreiten des Vereins zu unterlassen", jedoch "den Wirten ... und ...   zu boykottieren und deren Lokalitäten zur Abhaltung von Generalversammlungen und sonstigen Festlichkeiten auszuschließen", weil der erste einen weiteren Wirt "mit in die Sache zog als Kompagnon".Ob da wohl Futterneid mit im Spiel war?

Trotzdem wurde aber das Stiftungsfest 1895, das zugleich auch Schützenfest war, wieder im Saale des Wirtes H. B. gefeiert. Man hatte also wahrscheinlich den Zwist zwischen-zeitlich bereinigt.

Bis zum 12. Oktober 1895 wurden die Eintragungen im damaligen Amts deutsch relativ fehlerfrei niedergeschrieben. Der nächste Chronist hatte aber offensichtlich seine Mühe mit der Formulierung der Beschlüsse und deren Niederschrift. Auch hierzu einige Beispiele:

"In der Generalversammlung vom 13. Oktober 1895, welche beim Wirte Wilhelm Kommandeur hier abgehalten, wurde wie Statut 27 des Bürger-Schützen-Verein vorschreibt, alle drei Jahre im Monat Oktober Neuwahl erfolgen muß mit Stimmzettel unter großer Majorität gewählt". Es folgen die Namen der Vorstandsmitglieder und der Offiziere des Vereins. An anderer Stelle ist zu lesen: "In der Vorstandsversammlung beim Präsident Schlemmer abgehalten, wurde beschlossen, die Offerte der Wirte zum Ausschank der Kirmes nach Aussage des Doktor Schlick zu handeln."
Die letzte Eintragung vor der Jahrhundertwende verzeichnet Einnahmen von 613 Mark 90 Pfennig und Ausgaben von 600 Mark 40 Pfennig; "Also mit Überschuß von 13 Mark 50 Pfennig. Dasselbe ist dem Verein vorgelesen und vom Präsident unterzeichnet."

Wortgetreue Abschrift Protokoll

Heute am 2. September 1900 wurde in der Generalversammlung bei Peter Hackhausen über die in diesem Jahre stattfindende Kirmes Festlichkeiten verhandelt und folgender Beschluß gefaßt. Die Tanzmusik findet in einem Zelte statt und der Ausschank von Getränken ist dem Rosellen für das unentgeltliche Abholen des Zeltes und Entrichten von 18 Mark Armengeld zuerkannt worden. Ferner wurde beschlossen, an den Kirmestagen Festzug durchs Dorf und Parade montags nur Parade vor dem Ehren-Präsident. Mit­glieder, welche Parade und Festzug nicht mitmachen, müssen Antree bezahlen, wie jeder Fremde, wenn nicht genügende Ursache sie entschuldigt.

Für die Richtigkeit dieses Protokolls bescheinigt

Der Vorstand Präsident
Mart. Schlemmer

Um dem geneigten Leser einen Eindruck von der Art und Weise der damaligen Protokollführung zu vermitteln, wurde neben die Fotokopie der Originalseite des Protokolls vom 02.09.1900 die wortgetreue Abschrift gesetzt. So kann jeder, der möchte, die "Urschrift" entziffern. Nicht jede Eintragung ist übrigens so "akkurat " erfolgt. So steht in einem sehr kurzen und schwer zu entziffernden Protokoll zu lesen: I Schußnummer Reimaßich gezogen II Schußgeld bezahlt III wurde beschlossen ein freier Biertrank nach dem Fest. Zeit unbestimmt. "Die Vermutung liegt nahe, daß der Protokollführer bereits den "Biertrank" geprobt hatte.