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Aus den Historienbüchern des Bürgerschützenvereins Neurath

Denkmäler in Neurath
Niedergeschrieben von Winand Stollenwerk
Pfarrer im Ruhestand
Das Kriegerdenkmal

Das Wichtigste und Wertvollste der wenigen Denkmäler, die es in Neurath gibt, ist das Kriegerdenkmal aus dem Jahre 1936 (vor 70 Jahren). Geschaffen wurde es von einem der bedeutendsten Bildhauer seiner zeit, von Professor Edwin Scharff. Das Mahnmal ist den 22 Neurather Männern gewidmet, denen durch den 1914-1918 ihr junges leben genommen wurde. An beiden Seiten des acht Tonnen schweren Granitsockels sind ihre Namen eingemeißelt.

1914
Daniel Alderath + Wilhelm Förster + Josef Förster +Josef Schlossmacher +
Gottfried Hurtz +
1915
Anton Schiffer + Anton Obels + Werner Rodorigo +
1916
Wilhelm Zensen + Johann Diefenbach + Wilhelm Kauertz + Heinrich Schiffer +
Jakob Müller + Josef Conrads + Johann Conrads + Clemens Burg +
1917
Josef Schotten + Josef Nobis +
1918
Peter Puff + Jakob Schlossmacher + Paul Coenen +
1919
Paul Henseler +

An der Vorderseite dieses Granitblockes ist ein Schwert reliefartig herausgemeißelt. Auf der Rückseite befand sich ursprünglich ein Hakenkreuz. Nach dem Kriege wurden die Haken entfernt und es blieb ein Kreuz. Auf diesem gewaltigen Block aus rotem Beuchäer Granit erhebt sich ein stolzer Adler von vier Tonnen Gewicht aus dem gleichen Granit. Professor Edwin Scharff soll dieses Mahnmal in drei Monaten geschaffen haben.


Edwin Scharff :
Im Juni 1999 wurde in Neu-Ulm, der Heimatstadt Scharffs, ein neues „Edwin Scharff Museum“ eröffnet. In den Räumen dieses Gebäudes führen rund 120 Gemälde, Zeichnungen, Marmors-kulpturen und Bronzeplastiken durch den Lebensweg des vielseitigen Künstlers Edwin Scharff.

1887 in Neu-Ulm geboren, verließ der junge Mann mit 15 Jahren sein Heimatstadt, um an der Bayrischen Akademie der bildenden Künste Malerei zu studieren. Ein (königlich-) staatliches Stipendium ermöglichte ihm Studienreisen nach Paris, Madrid und Toledo. Auf einer weiteren Studienreise, nach Italien, wurde er in Florenz von den großen Bildhauern der Renaissance nachhaltig beeinflusst.

Zurück nach München war sein erster großer Ausstellungserfolg das Gemälde „Brücke von Toledo“. Vor dem ersten Weltkrieg arbeitete er mehrheitlich an Skulpturen („Junger Athlet, ein Bronze-porträt seines älteren Bruders und andere“).
Als Soldat im Krieg wurde er schwer verwundet und verbrachte ein Jahr im Lazarett. (Selbstbildnis als Soldat). Nach seiner Hochzeit mit der Schauspielerin Helene Ritscher schuf er Gemälde, Skulpturen und Graphiken zu den Themen: „ Liebespaar“ und „Mutter und Kind“.

Nach dem Kriege wendete er sich besonders dem portraitieren zu. Unter anderem entstand 1920 eine Bronzebüste von Heinrich mann, 1923 von Max Liebermann und Lovis Corint.

Edwin Scharff wird 1923 zum Professor für Bildende Künste nach Berlin berufen. Dort wendet er sich vermehrt Denkmalsentwürfen zu: Bronzeplastiken, Skulpturen, auch Tierdenkmäler sind darunter: „Denkmal der Pferde“, die „Pastorale“ und die „Hockende“ entstehen in dieser Zeit. Überhaupt ist die Berliner Zeit für Professor Scharff der Höhepunkt seines Schaffens.  1926 erhält er den Auftrag für eine Büste des damaligen Reichspräsidenten von Hindenburg. 1927 wählt man ihn zum stellvertretenden Präsidenten des Deutschen Künstlerbundes. 1931 wird er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Mit der „Machtergreifung“ der Regierung durch die National-Sozialisten begann für den Künstler Edwin Scharff eine schwierige Zeit. 1933 wurde er von Berlin an die staatliche Kunstakademie Düsseldorf zwang versetzt. In diese Zeit fällt auch die Planung und Ausführung des „Stolzen Adlers“, des Kriegerdenkmals in Neurath. Wäre Scharff in Berlin geblieben, würden die Neurather heute dieses Kunstwerk nicht besitzen. Wie in dieser Zeit die Verbindung des Neurather Kriegervereins, als Auftraggeber, zu Professor Scharff nach Düsseldorf zustande kam, können wir nicht mehr zurückverfolgen. Schon Jahre vorher hatte der Verein bei der Bevölkerung für ein Kriegerdenkmal geworben und gesammelt.

Die Einweihung fand am 12. Juli 1936 statt. Auf der Fotografie zur Einweihung sieht man 42 Personen. Oben rechts, ohne Kokardenmütze, der in Neurath wohnende Architekt Streicher. Ich vermute, dass die Verbindung des Kriegervereins zu Professor Scharff durch Vermittlung diese Architekten Streicher zustande kam. Bezeichnend ist, dass auf diesem Einweihungsfoto der Künstler und Schöpfer des Denkmals selbst nicht zu sehen ist. Sicher sind da politische Motive der Grund dafür.
Im folgenden Jahr, 1937, werden durch die Nazis Werke von Edwin Scharff in der „Ausstellung für entartete Kunst“ gezeigt. So erging es vielen Künstlern in dieser Zeit. Zwei Jahre später wird dann Scharff zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Nach dem Ausschluss aus der Reichskammer der bildenden Künste 1940, wird ihm jede künstlerische Tätigkeit verboten.

Trotz des Arbeitsverbotes war Edwin Scharff für Arbeiten einiger Kirchen weiterhin tätig. Die Sakristei einer zerbombten Kirche in Düsseldorf diente ihm als Atelier, bis SS-Kader auch diese noch kurz vor Kriegsschluss zerstörten. Insgesamt sollen 48 seiner Werke in dieser für Scharff so leidvollen Zeit zerstört worden sein. 
Nach dem Kriege, 1946, wird er als Professor an die Landeskunstschule in Hamburg berufen. Bekannt und berühmt sind die Bronzetüren der Kirche von Marienthal bei Wesel, bildliche Darstellungen der Glaubensartikel des Apostolischen Credos. Spätere Werke sind unter anderem:
„Ruth und Boas“ und „Nackte Pandora“.
Eine Neugestaltung des Hamburger Jungfernsteges hatte er geplant, konnte diesen Plan aber nicht mehr ausführen.

Professor Edwin Scharff starb am 18. Mai 1955.
Wir Neurather können jedenfalls stolz darauf sein, in unserem Ort den „Stolzen Adler“ zu besitzen, ein Kunstwerk, geschaffen von einem der bedeutendsten Bildhauer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.